Filmdreh „Little America“ in Stolberg

Filmdreh „Little America“ in Stolberg


Leserbrief von Natalie Stercken zum Thema Filmdreh „Little America“ in Stolberg

 

Stolywood – kommt das von „stolen“ (engl. „gestohlen“)?

So spotten jedenfalls viele über die skandalösen Begleitumstände der jüngsten Dreharbeiten einer ARD-Miniserie erboste Stolberger Altstädter und fordern: „Gebt uns unsere Stadt zurück!“

 

Die Tatsache, das sich die Altstadt allmählich als Filmkulisse etabliert, ist grundsätzlich interessant und wünschenswert. Doch stellt sich jetzt die Frage, bis zu welchem Grad die damit einhergehenden Belastungen dem Bürger zuzumuten sind.

 

Nachtdrehs, die Schlafzimmer taghell mit 9.000 Watt beleuchten, Straßensperrungen, Wegfall der wenigen Parkplätze über Tage und Wochen hinweg sowie umfangreiche Umbaumaßnahmen sind alles Dinge, die in der Vergangenheit nicht nur akzeptiert sondern sogar unterstützt wurden. Auch diesmal, das sei ausdrücklich betont, wären solche bereits gewohnten Beeinträchtigungen kein Problem gewesen.

 

Als man jedoch vor ein paar Tagen das Pflaster der denkmalgeschützten Altstadt mit Lehm zuschüttete und die Straßen und Plätze in Staubpisten verwandelte, hat man die Toleranzgrenze mancher Anwohner eindeutig überschritten. Denn sie wurden davon vollkommen überrascht. Weder die zuständigen Behörden der Kupferstadt noch die Filmcrew hatten es im Vorfeld für nötig befunden, die betroffenen Bürger vorab zu informieren und auf die geplanten Maßnahmen und die damit einhergehenden Einschränkungen und Belästigungen vorzubereiten. Zu groß war wohl bei den Verantwortlichen die Angst vor möglichen massiven Protesten. Diese Vermutung kursiert zumindest in der Bürgerschaft, wo so mancher den Akteuren bei ihrer Informationspolitik des Schweigens volle Absicht unterstellt.

Betroffene Anwohner, die sich beim Ordnungsamt darüber beschwerten, wegen der Staubbelastung nicht mehr die Fenster öffnen zu können, wurden mit der zynischen Aussage abgefertigt, doch stattdessen in einem anderen Zimmer das Fenster zu öffnen.

Die persönliche Bitte an den Bürgermeister Patrick Haas, sich dringend vor Ort ein Bild der Lage zu machen, verhallte bislang.

Hausbesitzer, die unlängst Ihre Objekte im Sinne des Denkmalschutzes kernsaniert haben, werden mit der Sorge um deren Erhaltungszustand nicht ernst genommen. Gleiches gilt für Anwohner-Beschwerden über die massive Emissionsbelastung durch den vom Straßenverkehr aufgewirbelten Staub. Dabei gelten hier Grenzwerte, die einzuhalten sind. Haben wir – Politiker und Behörden vorneweg – nicht erst vor kurzem erbittert um die gesundheitsgefährdenden Folgen von Feinstaubbelastung im Mikrogrammbereich gestritten und über PKW-Dieselfahrverbote in der Innenstadt nachgedacht? Und nun lassen es dieselben Akteure ohne die geringsten Skrupel zu, dass Staub und Dreck mit LKWs gleich tonnenweise in die Innenstadt gekippt wird? Wie passt das zusammen?

Rückfragen wegen der von manchen Anwohnern befürchteten Verstopfung der Kanalisation durch Lehm und damit zusammenhängende etwaige Schäden und Folgekosten stoßen im Rathaus auf taube Ohren. Man gewinnt den unguten Eindruck, dass dieses Thema im Vorfeld der Genehmigungen nicht die geringste Rolle gespielt hat. Dabei regelt die „Satzung über die Erlaubnisse und Gebühren an öffentlichen Straßen“ dies jedoch eindeutig in § 12. Demnach hätte meines Erachtens ein Antrag auf Zuschütten des Pflasters versagt werden müssen.

 

Insgesamt stelle ich fest, dass die Stadtverwaltung als mit Steuermitteln finanzierter Dienstleister der Bevölkerung die Belange und berechtigten Sorgen der Bürgerschaft missachtet und noch nicht einmal auf persönliche Aufforderung hin Reaktionsbereitschaft zeigt. Dabei ist es ihre Pflicht, für den Schutz der Bürger und den öffentlichen Raum Sorge zu tragen. Dem wird sie in keiner Weise gerecht, wie die haarsträubenden Begleitumstände dieses alle Toleranzgrenzen sprengenden Filmdrehs beweisen.

 

Die Argumentation der Stadtverwaltung, dass dies alles im Sinne der Förderung des  Tourismus nachhaltig sei, entbehrt jeder Grundlage.

Denn ganz im Gegenteil stornieren derzeit zahlende und nun verärgerte Gäste wegen der Belästigung rund um die Dreharbeiten ihre Ferienwohnungen. Die Mitarbeiter des Filmteams sind überwiegend außerhalb von Stolberg einquartiert. Und mit den Dreharbeiten kann man noch nicht einmal um Tagesgäste werben, da eine zusätzliche Störung am Set gar nicht im Interesse der Filmgesellschaft liegt.

 

In meinen Augen ist die mangelnde Einbindung der Bevölkerung nicht im Sinne eines guten Tourismus, den unsere Stadt doch so händeringend benötigt und für den sich viele Bürger und Vereine persönlich und ehrenamtlich einsetzen. Dies ist auch nicht im Interesse einer erfolgreichen Kulturpolitik, die langfristig nur dann Früchte tragen kann, wenn die Menschen Kultur als etwas Schönes und Positives erleben – und nicht wie in diesem Fall als Belästigung. Und das sage ich als freischaffende Künstlerin, die ein wohlverstandenes Eigeninteresse daran hat, die Kultur, die gerade durch die Coronakrise besonders gebeutelt ist, wieder nach vorne zu bringen.

 

Augenscheinlich ist die Erkenntnis leider in den Hintergrund getreten, dass eine funktionierende Verwaltung auf die Unterstützung und Mitwirkung verantwortungsbewusster und williger Bürger angewiesen ist. Denn was hören wir seit Wochen aus dem Rathaus? „Wir müssen reden.“ Wie es scheint, nichts als eine hohle Floskel, die noch nicht einmal wenige Wochen vor der nächsten Kommunalwahl mit Inhalt gefüllt wird.

 

Was folgt daraus? Der Bürger muss zwangsläufig den Eindruck bekommen, als stünde die Stadtverwaltung nicht hinter ihren Bürgern, sondern würde eher einem einzelnen Investor mit eigenem wirtschaftlichen Interesse – in diesem Falle der Filmgesellschaft – den Vorzug geben. Das ist nicht nur bedauerlich: So ein Verhalten untergräbt nachhaltig das Vertrauen. Mit mehr Empathie und Umsicht wäre das vermeidbar gewesen.

 

Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen? Wenn es „nur“ daran läge, dass man die skizzierten Missstände und Folgen schlicht nicht bedacht hat, könnte man vielleicht von Dummheit sprechen, was schon schlimm genug wäre. Sollte es sich aber hier um einen Fall von Missbrauch anvertrauter Macht gehen, in dem die Verantwortlichen Partikularinteressen über den Schutz der Bürger stellen, frage ich mich: Wie muss man das dann nennen? Der Leser mag entscheiden, welche der beiden Möglichkeiten er für wahrscheinlicher hält.

 

Natalie Stercken

Opernsängerin, Gesangslehrerin

FDP Kandidatin für den Stadtrat